Wehe dem, der die Lunte in das Pulverfass wirft!
Als Moltke, der „große Schweiger“ zuletzt im Reichstag sprach, sagte er: „Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden – und wehe dem, der zuerst die Lunte in das Pulverfass schleudert!“ Es dauerte nach Moltkes Tod 23 Jahre, bis 1914 die Lunte in das Pulverfass flog. Gavrilo Princip, dem Attentäter von Sarajevo starb 1918 elendig in Haft. Die Donaumonarchie, die den Krieg erklärte, gin 1918 unter. Sieht man den zweiten Weltkrieg als Fortsetzung des ersten, folgten 10 Jahre Krieg. Moltkes Warnung ist heute wieder aktuell.
Vor einer Woche haben die USA und Israel den Iran angegriffen. Immer klarer wird: Dafür gab es weder einen Grund noch einen klaren Plan. Mit dem ersten Schlag töteten sie das iranische Staatsoberhaupt. Die USA glaubten anscheinend, damit den Zusammenbruch des Irans auszulösen. Sie übersahen das Offensichtliche: Bei dem Staatsoberhaupt handelte es sich um den 86-jährigen Ayatollah Khamenei, der seinem Tod schon entgegensah und dem die Angreifer jetzt seinen größten Wunsch erfüllten: Als Märtyrer zu sterben. Nur eine Stunde später schlug der Iran zurück.
Seither steht die Region in Flammen. Die Straße von Hormus ist blockiert, der arabische Ölexport weitgehend blockiert, Öl-, Gas- und Benzinpreise steigen rapide, die Wirtschaft der westlichen Welt steht am Rande eines Kollaps. US-Stützpunkte, die den Iran umzingeln, stehen unter Beschuss; dabei hat der Iran nachweislich eine Reihe sensibler Treffer gelandet, obwohl Unmengen von Flugabwehrraketen eingesetzt wurden – jede einzelne ein Vielfaches teurer als eine iranische Drohne. Sicher, Israel und die USA bombardieren Teheran und sie haben die iranische Überwasserflotte versenkt, doch die Zahlen sprechen für einen Pyrrhussieg: „Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!“
Es ist nicht klar, was überhaupt ein Sieg wäre, geschweige denn, was davon realistisch: Die Tötung Khameneis? Zerstörung des Atomprogramms? Regimewechsel? Zerstörung der Raketenbasen? Die Ziele ändern sich von Tag zu Tag, und außer der Tötung Khameneis wurde keines der Ziele erreicht. Und genau diese Tötung hat den Iran eher stärker als schwächer gemacht. Dafür verdoppelt sich die vom US-Militär erwartete Dauer fast täglich; von vier Tagen zu vier Wochen, zu acht Wochen und inzwischen zu 100 Tagen. Die US-Regierung scheint nicht einmal sicher, ob sie überhaupt einen Krieg führt; der eine Minister spricht davon, der nächste erklärt, es handele sich keineswegs um einen solchen.
Trump reagiert wie ein angeschossener Bulle auf die iranischen Gegenangriffe und schwächt die Ziele nicht ab, sondern formuliert immer neue Ansprüche. Inzwischen will er das nächste iranische Staatsoberhaupt ernennen und verlangt eine bedingungslose Kapitulation. Er schraubt damit seinen Einsatz immer höher. Inzwischen stehen der Einsatz von Bodentruppen oder ein Freikämpfen der Straße von Hormus im Raum. Den zwangsläufigen Verlusten bei einer solchen Aktion stehen keine realistischen Gewinne gegenüber. Selbst wenn die USA diesen Krieg am Ende mit einem „Sieg“ beenden, werden sie danach schwächer sein als je zuvor. Ein hoffnungslos überdehntes Imperium, das finanziell und militärisch ausblutet. Wehe dem, der die Lunte in das Pulverfass geworfen hat!