PKEuS' Blog

über Welt-, Politik- und Wirtschaftsgeschehen

Seit Trump ernsthafte Anstalten macht, Grönland zu erwerben oder, wenn das nicht gelingt, zu erobern, scheint den Europäern ganz langsam zu dämmern, dass ihr wahrer Feind im Westen sitzt, nicht im Osten. Empörung macht sich breit – und Angst. Einen Aufstand gegen den Kolonialherrn hatten die europäischen Staatschefs eigentlich nie im Sinn, sondern betrieben seit Jahren eine Appeasement-Politik, um die USA ihnen gnädig zu stimmen. Sogar die Venezuela-Geschichte verdrängten sie im Stile von „Biedermann und die Brandstifter“. Man könnte auch an das berühmteste Zitat von Martin Niemöller erinnern. Doch jetzt ist guter Rat teuer, wo der Kolonialherr seinem Vasallen trotz allem ans Leder will.

Einen kurzen Moment schien es, als würde Friedrich Merz unerwarteterweise das einzig Richtige tun: Die Bundeswehr auf Einladung Dänemarks nach Grönland schicken. Zunächst wurden 15 Mann zur Erkundung entsandt. Dabei verknüpfte die Bundesregierung den guten Ansatz schon gleich mit einer große Dummheit, als man erklärte, es ginge darum, eine NATO-Übung dort vorzubereiten, an der ausgerechnet auch die USA teilnehmen sollen. Trotz dieser erneuten Geste der Unterwerfung reagierte Trump sofort und verkündete Strafzölle gegen Deutschland. Prompt zog man in Berlin den Schwanz ein: Schickte die Truppen mit einem dänischen Zivilflugzeug nach Grönland, was man noch als Betonung des Aspekts „auf Einladung Dänemarks“ beschönigen konnte. Und dann wurden sie Knall auf Fall heute vorzeitig zurückbefohlen – angeblich wegen schlechten Wetters und weil ihre Mission erledigt sei. Das ist wirklich lachhaft. Tatsächlich ist es für jeden Beobachter der Beweis der Feigheit der deutschen Führung. Jede künftige deutsche Unterstützung, Grönland vor dem Zugriff der USA zu retten, ist damit entwertet, beide Seiten haben gesehen: Auf die Bundeswehr ist kein Verlass. In Washington dürfte man sich vor Lachen kaum einkriegen.

Im Grunde gibt es nur vier mögliche Szenarien: Erstens, Trump macht Dänemark ein Kaufangebot, das sie guten Gewissens annehmen können. Dann hätte sich die Sache gütlich erledigt, Dänemark verkauft Grönland freiwillig. Zweitens, man macht den Bückling vor den USA und gibt Trump, was er fordert. Das wäre auch der Fall, wenn man sich im Invasionsfall kampflos zurückzieht. Ich garantiere, danach kommen neue Forderungen (auch unter anderen US-Präsidenten, dann nur vielleicht nicht öffentlich). Drittens, Trump wird der Preis zu hoch, so dass er die Finger davon lässt. Oder – viertens – Trump lässt die Finger doch nicht davon und befiehlt eine militärische Invasion Grönlands, und Dänemark wehrt sich (mit oder ohne Verbündete). Es ist nicht garantiert, dass das US-Militär diesem Befehl zum offenen Angriff auf einen NATO-Verbündeten überhaupt Folge leisten würde. Wenn sie es tun, werden die Europäer zwar militärisch zunächst verlieren. Doch es gäbe Verluste auf beiden Seiten und Trump die längste Zeit Präsident gewesen. Es gäbe ein Impeachment, dem auch die Republikaner mehrheitlich zustimmen werden. Grönland würde dänisch bleiben und die Ausdehnungsphantasien der USA zulasten von Verbündeten wären ein für alle Mal gestoppt.

Von vier Szenarien gibt es drei für Europa Vorteilhafte. Alle erfordern, dass man den Preis hochtreiben, also hart verhandeln und hoch Pokern muss. Doch es scheint, als manövriert unsere Regierung schlingernd die einzige schlechte Option an. Es sind eben Feiglinge.

Dieser Winter ist ein Sittengemälde von Deutschland im 21. Jahrhundert:

Im Raum Hannover fallen 20 cm Schnee. Schon mit Bekanntwerden des Wetterberichts wird der Zug- und Busverkehr in Norddeutschland teilweise eingestellt. Dann wird es in ganz Deutschland kurzzeitig saukalt. Als die Temperaturen wieder über 0° steigen und Regen kommen soll, droht die nächste Gefahr: Glatteis, wenn Wasser auf gefrorenen Boden trifft. Sofort ordnen dann mehrere Bundesländer flächendeckend den Entfall des Schulunterrichts bzw. „Distanzunterricht“ an. Wir kennen das Muster von Corona: Droht Gefahr, ziehen Politik und Verwaltung jedem Bürger persönlich die Zugbrücke hoch.

Weil möglicherweise Schnee fällt, stellen wir den Zugverkehr ein. Was sollen eigentlich Leute machen, die auf Bus und Bahn angewiesen sind? Auch vorsoglich das Arbeiten einstellen? Außerdem, wir reden hier von 20 cm; wir müssen mal über unsere Maßstäbe nachdenken. Hier zum Vergleich ein Bericht von 1961.

Weil möglicherweise Glatteis entsteht, fällt überall die Schule aus. Fällt für die Eltern auch die Arbeit aus? Wieso mutet man wegen einer möglichen Gefahr den Eltern zu, über Nacht kurzfristig die Betreuung ihrer Kinder zur Schulzeit zu regeln? Können die Eltern nicht am nächsten Morgen selbst und nach örtlicher Lage entscheiden, ob ihrem Kind der Schulweg zugemutet werden kann? Vor allem aber: Diese Kinder werden nie verstehen, wenn sie selbst später einmal arbeiten, dass sie sich auch bei unangenehmem Wetter selbständig kümmern müssen, pünktlich zur Arbeit erscheinen, und auch eigenverantwortlich entscheiden können müssen, bei welchen tatsächlichen Gefahren genau das nicht geht.

Die Leute, die vom Schreibtisch aus solche Entscheidungen treffen, muss man mal folgendes Fragen: Wie soll eigentlich künftig der Räumdienst funktionieren, wenn dessen Mitarbeiter bei Eis und Schnee nicht mehr zur Arbeit erscheinen?

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