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2022 ist vorbei, und es gilt, eine neue Konjunkturprognose für die nächsten zwei Jahre aufzustellen, und die vorherige Prognose auszuwerten. Die einzelnen Zahlen der neuen Prognose finden sich auf dieser Seite.

Die diesjährige Prognose enthält zwei methodische Änderungen, und auf eine möchte ich vorab eingehen, weil sie rückwirkend auch die errechneten Wachstumsraten der Vergangenheit ändert: Ab sofort führe ich die Preisbereinigung nicht mehr auf Basis des Verbraucherpreisindex durch, sondern anhand des BIP-Deflators, d.h. letztlich auf Grundlage der Preisbereinigung, die das Statistische Bundesamt errechnet. Dies ist die allgemein anerkannte Methode, und sie ist insofern besser, als die Verbraucherpreise nicht repräsentativ für das Bruttoinlandsprodukt sind, sondern lediglich für den Konsum der privaten Haushalte. Der starke Anstieg der Inflation hat diese Änderung nahegelegt, da auf Basis des Verbraucherpreisindex stark verzerrte Ergebnisse beobachtbar wurden, die stark von den offiziell berechneten Wachstumsraten abwichen, während in ruhigen Zeiten beide Indizes relativ synchron liefen. Auf dieser Grundlage ist auch die Auswertung vergangener Prognosen fairer. Der Nachteil ist, dass wir darauf vertrauen müssen, dass das statistische Bundesamt die Preisbereinigung des BIP sauber durchführt. Warum schreibe ich das? Weil festzustellen ist, dass die Verbraucherpreise um ca. 11% stiegen, die Erzeugerpreise sogar weitaus stärker, aber der BIP-Deflator nur um etwa 5 %. Das lässt mich mit leichten Zweifeln zurück.

Dies gesagt, können wir uns der Auswertung der letzten Prognose zuwenden. Für 2022 hatte ich ein Wachstum von 2,7 % vorausgesagt. Unter Berücksichtigung der bislang vorliegenden Zahlen der ersten drei Quartale gehe ich derzeit rechnerisch von einem preisbereinigten Wachstum von 0,6 % aus (mit der alten Methodik ergäbe sich ein Rückgang um sagenhafte 6,1 %). Dabei sind die inländischen Aggregate Konsum, Investitionen und Staatsausgaben durchaus mehr oder weniger stark gewachsen; oft in erwarteter Größenordnung, teils auch sogar stärker. Allerdings hat der regelrechte Kollaps des Außenbeitrags, der vor allem von einem Anstieg der Importe getrieben wurde, das Wachstum des BIP stark gedämpft. Hauptursache ist die massive Verteuerungen von Energieimporten, kein Rückgang der Exporte. Grundsätzlich wurde die wirtschaftliche Entwicklung des vergangenen Jahres stark durch die Corona-Erholung im ersten Halbjahr (korrekt vorhergesagt) bei Stagnation im zweiten Halbjahr (korrekt vorhergesagt), Preissteigerungen (korrekt vorhergesagt, allerdings in der Höhe unterschätzt) und dem Krieg in der Ukraine samt Sanktionspolitik und Energiekrise (nicht konkret vorhergesagt) getrieben. Insgesamt sehe ich die letztjährige Prognose als im Einzelnen qualitativ bestätigt an. Da die prognostizierten 2,7 % pessimistischer als die Institute (z.B. Ifo: 3,7 %, IMK: 4,5 %, Sachverständigenrat: 4,6 %) waren, liegen sie auch näher am voraussichtlichen Endergebnis.

Die kommende Prognose erstreckt sich erneut über 9 Quartale, vom letzten des Jahres 2022 bis zum letzten des Jahres 2024. Die zugrundeliegende Methode ist erneut eine Fortschreibung der bisherigen Entwicklung, korrigiert um erwartete zukünftige Abweichungen, die im Folgenden näher erläutert werden sollen.

Bedingt durch die allgemeine nationale und internationale Lage befindet sich die Wirtschaft im Abschwung, nachdem das ökonomische Strohfeuer der Nach-Corona-Erhohlung durch die Energiekrise jäh gelöscht wurde. Früher als gedacht hat sich damit die Vorhersage eines Stagflationszustands bewahrheitet, der von neuen Krisen flankiert wird. Dieser Abschwung, der im Frühjahr 2022 eingesetzt hat, wird voraussichtlich erst in der zweiten Hälfte 2023 enden, allerdings werden wir in 2024 nur eine sehr schwache Erholung sehen.

Die Inflation der Verbraucherpreise wird im kommenden Jahr mit 7,5 % in 2023 und 5 % in 2024 hoch bleiben, da von den stark gestiegenen Erzeugerpreisen ein großer Teil noch nicht an die Verbraucher weitergegeben wurde. Da sich allerdings in den letzten Monaten die Preisdynamik abgeschwächt hat, liegt ein allmähliches weiteres Abflauen der Inflation nahe. Die bereits in einigen Beiträgen beschriebenen Inflationstreiber wirken jedoch weiter, sodass ich eine rasche Rückkehr auf das Zielniveau von 2 % für unwahrscheinlich halte. Sollte es jedoch zu neuen Schocks kommen, etwa Energieabschaltungen, Klima-Lockdown, Ausweitung des Ukraine-Krieges auf weitere Länder, ist ein Entgleisen der Inflation weiterhin nicht auszuschließen.

Für Konsum und Bruttoanlageinvestitionen erwarte ich eine deutlich abgeschwächte Entwicklung im gesamten Jahr 2023 und leichte Nachholeffekte im zweiten Halbjahr 2024. Als wesentlichen Treiber hierfür sehe ich die Energieknappheit, die auf Konsumseite zu Sparsamkeit zwingt und auf Investitionsseite die Zukunftsperspektive vieler Unternehmen bedroht, die sich insofern investiv zurückhalten werden. Der Staat wird hier weiter entgegenwirken (solange er kann), mutmaßlich mit jahreszeitlichen Zyklen, d.h. einer besonderen Expansion in den Wintermonaten. Im Export erwarte ich ein kontinuierliches schwaches Wachstum; die Importe werden infolge der Energieknappheit (jahreszeitlich) und der verschlechterten Lohnstückkosten (kontinuierlich) in Deutschland stärker zunehmen, sodass die bereits auf etwa Null gefallene Außenbeitrag ins Defizit fällt.

Als zweite methodische Änderungen an der Prognose wurde der Umgang mit den Vorratsveränderungen geändert. Anlass hierfür ist die Beobachtung, dass im Jahr 2022 die Vorratsveränderungen, nachfolgend dargestellt im Verhältnis zum BIP, in bisher unbekannte Größen gewachsen sind, nachdem es bereits letztes Jahr erste Effekte hieraus gab. Schwankten sie bisher in Größenordnungen von -1 % bis +1,5 %, haben sie in diesem Jahr 3 % überschritten. Aus diesem Anlass widmen wir ihnen hier einen näheren Blick:

Anteil Vorratsveränderungen am BIP

Hierhinter könnten sich insbesondere zwei Effekte verbergen: Erstens, dass Unternehmen Überproduktionen auf Lager legen, die sie aufgrund von Nachfrageausfall infolge der Energie- und Inflationskrise nicht verkaufen konnten. Zweitens, dass die Unternehmen ihre Lagerhaltung nach den Erfahrungen mit den Lieferkettenschwierigkeiten der letzten Jahre wieder ausweiten. Beides erscheint plausibel. Die Prognose nimmt an, dass ein möglicher Lageraufbau nicht nachhaltig fortgeführt wird, sondern in diesem Jahr zum Abschluss gelangt, und ab kommendem Jahr überwiegend die Lager zur Pufferung der Wirtschaftsentwicklung genutzt werden, d.h. dass die aufgebauten Lagerbestände zumindest teilweise wieder entnommen werden und damit eine leicht ausgleichende Wirkung auf die Konjunktur eintritt.

Eine Vielzahl von gesellschaftlichen und politischen Brandherden halten unser Land in Atem, und viele haben unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen. Klima- und Umweltschutzinvestitionen sind eine Folge der in Hysterie abgeglittenen und von der restlichen Welt längst abgekoppelten deutschen Klimadiskussion, die tatsächlich wachstumsfördernd wirkt. Da unsere führenden Politiker die Absicht haben, durch einen Ausbau erneuerbarer Energien von fossilen Energieträgern unabhängig zu werden, wird diese zwar vergebliche Anstrengung im Energiesektor die Investitionen stützen, ebenso diverse LNG-Bauprojekte. Insgesamt kann dies jedoch kaum die verheerende Perspektive für den Rest der Wirtschaft, insbesondere von Industrie und Handwerk, kompensieren, die drohende Gas- und Stromrationierungen eröffnen. Vor diesem Hintergrund sehe ich auch den Möglichkeiten, die die weltweite Aufrüstungsspirale für die deutsche Rüstungsindustrie bereit hält, mit Skepsis entgegen. Insgesamt ist mit großer Kauf- und Investitionszurückhaltung der durch die Inflation geschädigten, durch den Ukrainekrieg, eine irrational sprunghafte Politik, und schlechte Zukunftsaussichten verunsicherten Menschen und Unternehmer zu rechnen. Und das war „nur“ die Nachfrageseite.

Mögliche Nachwirkungen der Coronajahre auf die die Produktionskapazitäten unserer Wirtschaft schweben seit 2020 als Damoklesschwert über uns: Hier ist vieles vorstellbar, aber weniges sicher vorhersagbar: Nachhaltige Demotivation und Kündigungswellen im Gesundheitswesen, die eine nachhaltige Versorgungskrise auslösen. Ein dauerhaft erhöhter Krankenstand infolge von Long-Covid oder Long-Impfung. Defizite in der Schul- und Universitätsbildung, mangelhaft entwickelte soziale Kompetenzen, sowie auch Fälle von psychischen Schädigungen bei Kindern infolge der langen Lockdowns. Hier kommt hinzu: Die Flüchtlingskrise im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg, die sich dieses Jahr entfaltet hat, beansprucht wie schon 2015/2016 Kapazitäten unseres Bildungssystems, die es nicht hat. Und dann, als neues und bisher größtes Problem: Die Industrie in Deutschland steht angesichts der Energieknappheit vor dem vollständigen Aus. Es ist mittelfristig keine Lösung in Sicht: Weder sind erneuerbare Energien geeignet, stabil Energie bereitzustellen, noch haben wir Puffer, um diese zu stabilisieren. Kohle und Kernkraft sollen weiter abgebaut werden und reichen bereits jetzt kaum noch aus. Einer Rückkehr zu russischem Öl und Gas haben die politisch-mediale Hysterie, die Sprenung von North Stream II und der geopolitische Ost-West-Konflikt maximale Hürden entgegengestellt. Die chemische Industrie im Osten, die zudem auf russische Ölsorten spezialisiert ist, hat dabei noch ein ganz besonderes Problem. Wenn die Industrie kollabiert, wird die damit einhergehende Massenarbeitslosigkeit dann auch wieder auf die Nachfrageseite rückwirken.

Insgesamt prognostiziere ich daher, dass die Wirtschaft 2023 um 2,3 % schrumpft, d.h. stärker als im Coronajahr 2020, und 2024 um 1,1 % wächst. Ganz wesentlich wird die Wirtschaft dabei vom Staat getragen, während der private Sektor durch eine schwere Krise geht. Welche Folgen eine gestiegene Gestaltungsmacht, die diese Lage dem Staat verleiht, in den Händen unserer Ampelregierung haben kann, sei im Einzelnen der Fantasie der Leser überlassen. Im Ganzen gehe ich davon aus: Deutschland geht dunklen Zeiten entgegen.

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